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Rheuma als Folgeerkrankung – nach bestimmten Vorerkrankungen tritt Rheuma gehäuft auf

Geschrieben von gelenkgesund - 22. Februar 2012

Rheuma in seinen vielen Ausprägungen (rheumatischer Formenkreis) tritt häufig „spontan“ auf, in manchen Fällen jedoch ist Rheuma eine Folgeerkrankung anderer, z.T. harmloserer, Vorerkrankungen. Nicht immer ist der Zusammenhang klar, es gibt jedoch einige Vorerkrankungen, bei den bestimmte Formen des Rheuma nahezu zwangsläufig folgen oder dann ausbrechen, wenn die Ersterkrankung nicht konsequent therapiert oder nicht rechtzeitig erkannt wurde.

Hier stellen wir einige typische Krankheiten vor, nach den bestimmte Formen von Rheuma besonders häufig auftreten.

Akut krank und danach Rheumatiker(in)?

Das rheumatische Fieber

Mit die bekannteste Folge einer akuten Erkrankung ist das rheumatische Fieber, das Haut, Herz, Gelenke und das Gehirn befallen kann. Es ist eine Folge einer Infektion mit sog. β-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A und kann, insbesondere bei Erwachsenen, auch zu Herzklappenfehlern führen. Eine Diagnose des z.T. harmlos erscheinenden Infekts erfolgt anhand der sog. Jones-Kriterien (Jones diagnostic criteria), benannt nach dem US-Mediziner T. Duckett Jones (1899-1954).

Wie das chirurgie-portal.de schreibt (Das rheumatische Fieber ist eine entzündlich rheumatische Systemerkrankung, die durch eine bakterielle Infektion ausgelöst wird):

Betroffen sind meistens Patienten bis zum 30. Lebensjahr, wobei am häufigsten Kinder zwischen 5 und 15 Jahren an dem rheumatischen Fieber erkranken. Jungen und Mädchen sind gleichermaßen betroffen. Eine Erkrankung vor dem 5. Lebensjahr tritt relativ selten auf. Das Krankheitsbild ist bei älteren Erwachsenen aufgrund der untypischen Verläufe schwer zu diagnostizieren. … Bislang ist die Ursache des rheumatischen Fiebers nicht eindeutig gesichert. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Überempfindlichkeitsreaktion des Körpers auf bestimmte Bakterien, den so genannten ß-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A.

Yersinien-induzierte reaktive Arthritis

Zu den Yersinien gehört u.a. der Pesterreger (Yersinia pestis), der für die sog. Beulenpest verantwortlich ist.

Pest-Infektionen können neben der Infektion mit anderen Yersinien wie Yersinia pseudotuberculosis und Yersinia enterocolitica zu schweren Folgeerscheinungen führen, darunter der reaktiven Arthritis, aber auch zu Nierenschäden u.v.a. Yersinien-Infektionen entstehen neben der Übertragung durch Bluttransfusionen vor allem durch verunreinigtes (Schweine)-Fleisch, Milch und Wasser.

Fieber und Arthritis: Entzündlich-rheumatische Erkrankung oder Morbus Whipple?

Hier ist die Einordnung strittig. Morbus Whipple gehört strenggenommen nicht zum rheumatischen Formenkreis, jedoch treten Symptome auf, die sehr stark an eine reaktive Arthritis erinnern.

Solche Beschwerden werden auch pararheumatische Erkrankungen genannt.

Der Unterschied ist, daß sie selbst (bereits als Ersterkrankung) Symptome aufweisen, die gemeinhin zum rheumatischen Formenkreis passen, aber eine meist eindeutige, i.d.R. infektiöse, Ursache haben.

Unter dem Begriff der pararheumatischen Erkrankungen werden Krankheitsbilder verstanden, bei denen rheumatische Symptome infolge einer anderweitigen Erkrankung auftreten. Die Symptomatologie kann, wie z.B. bei der Gicht oder Pseudogicht, durch die rheumatischen Symptome, also Schmerz und Bewegungseinschränkung, beherrscht werden. Umgekehrt gehen viele internistische Krankheiten nur mit flüchtigen und meist geringen Gelenkbeschwerden einher. Gelegentlich können diese Gelenkbeschwerden aber so dominant sein, daß das zugrunde liegende internistische oder auch neurologische Leiden diagnostisch zunächst verkannt wird.

(Hans-Jürgen Hettenkofer: Rheumatologie: Diagnostik, Klinik, Therapie, Georg Thieme Verlag, 4. Aufl., Stuttgart 2001, p. 232)

Chlamydien-induzierte reaktive Arthritis

Knapp fünf von je 100.000 Menschen erkranken an einer reaktiven Arthritis aufgrund einer Infektion mit Chlamydia trachomatis.

Die Chlamydien-Diagnostik ist nicht ganz einfach, bzw. wird nicht ohne weiteres in Erwägung gezogen, so daß es eine gewissen Dunkelziffer geben mag (zur Gruppe der Chlamydien gehört auch der Erreger der Papageien-Krankheit (Ornithose), für den es eine Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz, für die reaktiv-arthritische Reaktion sind jedoch nur das erwähnte Chlamydia trachomatis und evtl. Chlamydia pneumoniae verantwortlich, das jedenfalls mit Arteriosklerose in Verbindung gebracht wird.)

Weitere infektreaktive Arthritiden

Wenn arthritische Symptome die Folge einer Infektion sind, spricht man auch genauer von infektreaktiven Arthritiden. Wenn die Infektion über die Harnwege erfolgt, spricht man speziell von posturethritischen Arthritiden.

Neben den erwähnten Chlamydien, die u.U. auch zu Unfruchtbarkeit führen, können für diese Infektionen auch Gonokokken verantwortlich sein, die für eine übertragbare Geschlechtskrankheit Gonorrhoe verantwortlich sind, die im Volksmund auch „Tripper“ genannt wird. Eine weitere Gruppe Bakterien, die bevorzugt in den Harnwegen gefunden werden und arthritische Beschwerden auslösen können, sind die sog. Ureaplasmen.

Geht die reaktive Arthritis auf eine vorausgegangene Darm-Infektion zurück, nennt man sie auch postenteritische Arthritis. Neben den bereits beschriebenen Yersinien können zu arthritischen Beschwerden führende Darminfekte auch z.B. durch Salmonellen oder Campylobacter verursacht werden.

Infektionen der Atemwege hatten wir oben beim rheumatischen Fieber bereits beschrieben (Streptokokkenangina, auch als Scharlach bekannt), diese sind aufgrund u.a. verbesserter Hygiene in unseren Breiten eher selten geworden. Die bereits erwähnte Art Chlamydia pneumoniae verursacht (wie der Name besagt) ebenfalls Atemwegsbeschwerden.

Darüber hinaus werden manche infektreaktiven Arthritiden auch statt durch Bakterien durch bestimmte Viren verursacht. Die infektreaktiven Arthritisbeschwerden gehören zu den sog. Spondyloarthritiden bzw. Spondylarthropathien:

Unter den Spondyloarthritiden werden eine Gruppe von Erkrankungen zusammengefasst, die sich gegenüber der chronischen Polyarthritis durch das Fehlen von Rheumafaktoren und Rheumaknoten abgrenzen und welche die Gemeinsamkeiten des Sakroiliitis-Spondylitis-Arthritis-Syndroms, der familiären Häufung und der Assoziation mit dem HLA-B27 aufweisen.

(DGRh-Qualitätsmanual 2008, Abschnitt 2 3 Spondyloarthritiden).

Borreliose

Der Borreliose werden wir demnächst noch einen eigenen Beitrag widmen, hier jedoch soviel:

Laut Aussage bestimmter amerikanischer Ärzte hat jeder 3., der angeblich Rheuma haben soll, eigentlich Borreliose.

(aus: Theorien, wie man die Borreliose erkennen kann auf borreliose24.de – allerdings bestehen Unterschiede zwischen Borreliosen in USA und in Europa!)

Einerseits muß also die Frage „Borreliose oder nicht?“ differentialdiagnostisch abgeklärt werden, verzwickt wird es jedoch dadurch, daß „echtes“ Rheuma auch eine (reaktive) Spätfolge einer (evtl. chronifizierten) Borreliose-Infektion sein kann.

(Es gibt noch weit mehr Möglichkeiten der Verwechslung, wie z.B. im Artikel „Bericht eines Patienten, dessen vermeintliche Borreliose eine Tuberkulose in der Kindheit war“ geschildert.) Wie die Ärzte-Zeitung schreibt: Rheuma und Borreliose: Zusammenhang unklar.

Die Lyme-Arthritis als drittes Stadium der Lyme-Borreliose ist jedenfalls der rheumatischen Arthritis sehr ähnlich (vgl. auch Die Lyme-Arthritis: Klinik, Diagnose und Therapie (Deutsches Ärzteblatt 1998; 95(5)).

Da die Unterscheidung zwischen reaktiven Arthritiden und chronischen oligoarthritischen bzw. chronischen polyarthritischen Beschwerden immer wieder schwer fällt, gibt es auch ernstzunehmende Stimmen, die von vornherein der Antibiotika-Therapie gegen rheumatische Beschwerden das Wort reden, so etwa die Roadback-Stiftung in den USA:

Tausende Patienten berichten, wie ihnen Antibiotika gegen Krankheiten wie rheumatoide Arthritis, Sklerodermie, juvenile rheumatoide Arthritis, Lupus, … Fibromyalgie und Psoriasis-Arthritis geholfen haben. (Übersetzung gelenkgesund)

Zusammenfassung und Ausblick

Zur Differentialdiagnose rheumatischer Erkrankungen sind im In- und Ausland z.T. über tausendseitige Bücher geschrieben worden, so daß ein Blog-Artikel nicht einmal „an der Oberfläche kratzen“ könnte. Jedoch wird bei der Befassung mit dem Thema klar, daß Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises nicht nur manchmal schwierig zu diagnostizieren sind, sondern daß sich entzündliche Prozesse einerseits auf tatsächliche Infektionen gründen können, wie auch bestimmte rheumatische Symptome, die nicht auf eine vorausgegangene Infektion zurückgeführt werden können, dennoch für eine solche gehalten werden können.

Jedenfalls können „echte“ rheumatische Erkrankungen wie z.B. die rheumatoide Arthritis durchaus Spätfolgen von Ansteckungskrankheiten sein, die sich durch evtl. Vorbeugung oder frühzeitige Behandlung der Ersterkrankung hätten erfolgreich verhindern lassen.

Umgekehrt können chronische arthritische Beschwerden im Anfangsstadium mit akuten infektbedingten Symptomen verwechselt und so die Diagnose der rheumatischen Grunderkrankung unnötig verzögert werden.

Checklisten wie der Arthritis-Guide zum Arztbesuch und weitere Aufklärung auf Seiten von Arzt und Patient können hier helfen, schneller Licht ins Dunkel zu bringen.

Wie schreibt das Robert-Koch-Institut in seinem Themenheft 49 „Entzündlich-rheumatische Erkrankungen“:

Entzündlich-rheumatische Krankheiten bedeuten für die davon Betroffenen – rund 2 % der erwachsenen Bevölkerung und 15.000 Kinder – ein Leben mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität und der unabhängigen Lebensführung, aber auch der Lebenserwartung.

Neben den bakteriell verursachten arthritischen Beschwerden und rheumatischen Folgeerkrankungen gibt es auch einige Virusinfektionen, die ähnliche Symptome auslösen können. Diesen werden wir uns in einem Folgebeitrag widmen.

Das Thema “Rheuma als Folgeerkrankung” hatten wir bereits in unseren Artikeln zum Rauchen und zur Ätiologie des Rheuma gestreift.

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