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Kinder mit Rheuma und Augenleiden – oft unterschätzt oder zu spät erkannt

Geschrieben von gelenkgesund - 12. Februar 2012

Allgemein geht man davon aus, daß etwa ein Prozent der Bevölkerung an Rheuma i.w.S. erkanken. Dabei hält sich die hartnäckige Überzeugung, daß Rheuma eine Erkrankung sei, die man vor allem im vorgerückten Alter bekomme.

Jedoch ist Rheuma auch im Kindesalter wesentlich verbreiteter als man allgemein annimmt.

Ältere Menschen sind eher geneigt, bei bestimmten Gelenkbeschwerden und Schmerzerscheinungen an rheumatoide Arthritis zu denken. Sie fragen daher ihren Arzt gezielter, der Arzt selbst denkt ebenfalls eher an Rheuma und … man kennt vielleicht Nachbarn oder Arbeitskollegen, die bereits eine entsprechende Diagnose aus dem rheumatischen Formenkreis haben.

Aber wenn z.B. junge und vitale Eltern ein bis dahin gesundes Kind haben, das über unspezifische Schmerzen zu klagen beginnt …

… dann denken sie oft als letztes an ausgerechnet eine rheumatische Erkrankung beim Kind!

Daher sollte man sich als Eltern zumindest mit den evtl. Symptomen und der Diagnose von rheumatischen Erkrankungen bei seinem Kind auseinandersetzen.

„Kinder mit Rheuma: Ein Fall für den Spezialisten“

schreibt z.B. die Pharmazeutische Zeitschrift und führt u.a. aus:

«Eltern betroffener Kinder sollten daher dringend an spezialisierte Fachärzte verwiesen werden»

(Professor Dr. Johannes-Peter Haas vom Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendrheumatologie in Garmisch-Partenkirchen)

Der Artikel empfiehlt zudem:

Um sekundäre Schäden an den Gelenken zu verhindern, müssen Kinder und Jugendliche mit rheumatischen Erkrankungen daher zu regelmäßigem, auf ihre spezielle Situation abgestimmtem Training motiviert werden.

Aber bis dahin ist oft ein weiter Weg, wenn die rheumatische Erkrankung verkannt oder mit anderen Symptomen verwechselt wird. So wird Rheuma gerade bei Kindern auch mit Borreliose und manchen anderen anfänglich oft unspezifisch verlaufenden Beschwerden verwechselt.

Wenn man sich unsicher ist, sollte man im Zweifel auf eine genauere Abklärung drängen, und evtl. sich auch an entsprechend ausgestattete Kinderrheumatologische Einrichtungen in Deutschland und Österreich und der Schweiz wenden oder diese um Empfehlungen bezüglich der Arztwahl bitten..

Kindliches Rheuma und Augenleiden

Einer der öfter verkannten Zusammenhänge bei kindlichem Rheuma ist das Zusammentreffen mit der sog. Uveitis.

Im Artikel Warum Kinderaugen bei Rheuma leiden können weist z.B. das Hamburger Abendblatt in einem Interview mit dem Rheumatologen Dr. Ivan Foeldvari auf das häufige Zusammentreffen von Augenleiden und Kinderrheuma hin:

Viele Kinder mit einer Augenerkrankung leiden auch unter Rheuma.

In einem Merkblatt AUGENUNTERSUCHUNGEN bei „RHEUMA im Kindesalter“ schreiben z.B. die „Augenärzte in Thun (Schweiz) und Umgebung“:

Die möglichen Augenentzündungen bei Rheuma sind leider „stumme“, unbemerkte Regenbogenhautentzündungen in der Tiefe des Auges, dem man von aussen nichts ansieht. … Sie kommen je nach Art des „Kinderrheuma“ bei 5 bis 25% der Kinder vor.

Somit ist also das erste Risiko beim Kind, daß kindliches Rheuma unerkannt bleibt, gefolgt von einer möglichen Beeinträchtigung der Augen durch dieselben zerstörerischen Prozesse, die auch für die rheumatischen Veränderungen im Rest des Körpers (Gelenke, Knorpel, Steifigkeit usw.) verantwortlich gemacht werden.

Wie schreibt die Info- und Kontaktseite zur Integration sehbehinderter/blinder Kinder:

Als Isabel zwei Jahre alt war bekam sie eine Oligoarthritis Typ 1 (Rheuma). Sie hatte ein dickes Sprunggelenk. Unser Arzt dachte erst, es wäre ein Insektenstich oder eine Verstauchung. Nach dem die Schwellung nicht weg ging ließen wir Blut ablehmen, es stellten sich erhöhte Entzündungswerte fest. Da es sich auch um eine Knochenentzündung handeln könnte, wurde sie in die Kinderklinik überwiesen. Am Anfang wußte keiner so recht, was es sein könnte, nur der Chefarzt, der auch die Rheumakinder in unserer Stadt betreut tippte gleich auf etwas Rheumatisches. Um Rheuma zu erkennen muß man erst alles andere ausschließen, also wurde noch einmal geschallt und geröntgt, da es sich auch um eine Zyste oder einen Tumor handeln könnte. Alles Fehlanzeige, es war eine Oligoarthritis Typ 1. Das ist eine leichte Rheumaform, bei der nur wenig Gelenke betroffen sind. Das größte Risiko besteht darin, daß man an einer chronischen Regenbogenhautentzündung erkranken kann.

(Quelle: Uveitis – Wenn Rheuma ins Auge geht)

In ihrer Geschichte von Hanna (mit 2 Jahren an Oligoarthritis erkrankt) beschreiben die Eltern einen Krankheits- und Diagnose-Beginn, wie er bei Kinderrheuma und Uveitis häufig geschildert wird:

Rheuma ist doch nur was für alte Leute … Davon gingen wir auch aus, bis unsere damals zweijährige Tochter Hanna im Mai 2000 die Diagnose kindliches Rheuma bekam. Wie fing alles an? Im Februar wurde ihr linkes Sprunggelenk plötzlich dick und tat weh. Es gab keinen ersichtlichen Grund dafür. Eine 12 wöchige Odyssee bei Kinderärzten, Orthopäden und Röntgenspezialisten begann. Erst ein Kinderrheumatologe stellte die eindeutige und für uns erschütternde Diagnose. Da bei der vorliegenden Form des kindlichen Rheumas (Oligoarthritis Typ 1) die Hauptkomplikation eine Entzündung der Augen sein kann, gingen wir mit Hanna eine Woche später routinemässig zu einem Augenarzt. Dieser konnte nur noch eine schwere, schon länger bestehende Augenentzündung auf beiden Augen feststellen.

In Augenerkrankungen und entzündlich-rheumatische Erkrankungen im Kindes- und Erwachsenenalter beschreiben Arnd Heiligenhaus und Carsten Heinz die häufigen Krankheitsbilder so:

Entzündlich-rheumatische Erkrankungen gehen häufig mit einer Augenbeteiligung einher. Zu den typischen Befunden zählen Sjögren-Syndrom, Konjunktivitis, Episkleritis, Skleritis, Keratitis und Uveitis. Die unterschiedlichen Systemerkrankungen sind mit einem typischen Sektrum von Augenveränderungen und -komplikationen verbunden. Von besonderer Bedeutung ist, dass die Augenerkrankung das erste klinische Zeichen der systemischen entzündlich-rheumatischen Erkrankung sein kann.

Dort werden auch die wichtigsten differentialdiagnostischen Konstellationen und therapeutischen Konzepte dargestellt.

In der Übersicht Was die Augen verraten beschreibt medizinwelt.info, wie sich im Augenweiß und im Augenumfeld Anzeichen für Erkrankungen erkennen lassen:

Dauerhaft entzündete Augen können auf verschiedene chronische Erkrankungen deuten. Beispielsweise auf chronische Darmerkrankungen, Multiple Sklerose (MS) oder die Bechterewsche Krankheit, eine rheumatische Erkrankung, die zur Versteifung der Wirbelsäule führen kann. Bei Kindern mit chronischen Gelenkentzündungen besteht die Gefahr, daß eine Entzündung der Iris (Iridozyklitis) zur Erblindung führt. Eltern sollten aufmerksam werden, wenn die Kinder über “Schleiersehen” berichten.

Wie das Klinikum der Universität in Entzündliche Gelenkerkrankungen im Kindes- und Jugendalter schreibt:

Gerade Kleinkinder sind oft noch nicht sehr gut in der Lage, ihre Schmerzen genau zu lokalisieren. Bei Gelenken, die äußerlich die Entzündung, z.B. Gelenkschwellung oder Ergußbildung, nicht genau erkennen lassen, wird die Beteiligung an der Arthritis deshalb manchmal nicht rechtzeitig erkannt. Die Kinder schonen dann die betroffenen Gelenke, vor allem bewegen sie sie nicht mehr im vollen Bewegungsausmaß. So kann es zunächst unbemerkt zu einer Funktionseinschränkung und zunehmenden, später nur noch mit großem Aufwand oder gar nicht mehr zu behebenden Kontrakturen und Gelenkfehlstellungen kommen. … Tückisch ist eine meist schleichend verlaufende Iridozyklitis (Regenbogenhaut-Entzündung, Uveitis). Da bei ihr häufig äußerlich am Auge keine Entzündungszeichen wie eine Rötung der Augen zu sehen sind und kleine Kinder auch hier die verminderte Sehkraft auf dem entzündeten Auge durch das andere Auge gut kompensieren können, wird sie oft erst nicht erkannt und damit auch erst spät oder sogar zu spät behandelt, wenn es bereits zu bleibenden Schäden am Auge gekommen ist.

Dort wird auch eine Übersicht über die häufgsten Formen der juvenile idiopathische Arthritis (JIA) oder juvenile chronische Arthritis (JCA) gegeben:

Eine lesenswerte Übersicht bietet auch das Dokument BioFokus: Rheuma bei Kindern von Dr. Rotraud Katharina Saurenmann, Pädiatrische Rheumatologie Kinderspital Zürich:

Die juvenile idiopathische Arthritis ist die häufigste rheumatische Erkrankung im Kindesalter. Sie wurde früher auch juvenile chronische Arthritis (Europa) oder juvenile rheumatoide Arthritis (Nordamerika) genannt, bis man sich auf eine gemeinsame Definition und Namen geeinigt hat. Etwa eins bis zwei von 1000 Kindern sind davon betroffen, in der Schweiz also etwa 2500 Kinder. … Die JIA-assoziierte Uveitis tritt meistens schleichend auf und macht sich nur bei 15 bis 20% der Kinder durch Symptome wie Schmerzen, Lichtempfindlichkeit oder gerötete Augen bemerkbar. Wird nicht speziell nach ihr gesucht, wird sie häufig erst durch Zufall entdeckt oder wenn sie bereits zur Einschränkung des Sehvermögens geführt hat.

Es lohnt sich also, bei Kindern bei Gelenkbeschwerden auch an Rheuma zu denken und dann auch entsprechende augenärztliche Überprüfungen vorzunehmen, und umgekehrt ist es wichtig, bei kindlichen Augenbeschwerden auch einen rheumatischen Hintergrund abzuklären bzw. auszuschließen.

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