Schmerz und seine Behandlung – Segen oder Fluch?
Geschrieben von gelenkgesund - 19. Januar 2012
Jeder Mensch wird mit einem natürlichen Schmerzempfinden geboren. Während sich Menschen weltweit über “Geschmäcker” streiten können, ohne letztlich Einigkeit zu erzielen, so differieren sie u.U. auch in Nuancen bezüglich dessen, was sie jeweils als schon schmerzhaft oder noch angenehm empfinden, aber es herrscht sicherlich ausnahmslos Einigkeit darüber, daß z.B. Verbrennungen oder Verätzungen oder Schnittwunden usw. schmerzen – und daß sie das auch sollen.
Zwar gibt es vereinzelt Menschen, die nur eine eingeschränkte Schmerzwahrnehmung haben, etwa an bestimmten Hautpartien zwar Berührung, aber keinen Schmerz empfinden können, und es gibt Zustände, z.B. in Narkose oder bei starkem Gebrauch von Drogen oder Alkohol, in denen die Schmerzwahrnehmung beeinträchtigt ist, aber Schmerzen gehören so sehr zum lebendigen Menschen, daß man fast sagen kann, wer keine Schmerzen mehr empfinden kann, liegt entweder im tiefen Koma oder ist tot.
Auch wenn sich viele Menschen vor Schmerzen fürchten – das Beispiel der Leprakranken zeigt eindrücklich, daß verminderte Schmerzwahrnehmung lebensgefährlich sein kann.
Wer an Lepra erkrankt ist, leidet meist an zunehmender Verstümmelung – aber deren Ursache sind weniger die Lepraerreger, sondern sie entstehen vor allem dadurch, daß die Lepra das Schmerzempfinden in den Gliedmaßen unterdrückt und sich diese Menschen immer wieder verletzen, ohne es zu merken.
Oft kann ein Lepröser sich z.B. an einer Herdplatte oder einem Feuer verbrennen – bemerken wird es aber höchstens am Geruch verbrannten Fleisches, und auch nur, solange der Geruchssinn noch nicht zusätzlich beeinträchtigt ist. Wenn er oder sie dabei gerade Fleisch zubereitet, kann es sein, daß dieser Mensch selbst dann noch nicht der Gefahr gewahr wird, in der er schwebt.
Wir sehen also:
Schmerz ist überlebensnotwendig
In der Definition des DocCheck Flexikon
Schmerz ist eine komplexe Sinnesempfindung, die von Nozirezeptoren des peripheren Nervensystems wahrgenommen wird. Sie wird im ZNS verarbeitet und interpretiert. Dabei bestehen enge Wechselwirkungen zwischen Schmerzwahrnehmung und Psyche.
Die Schmerzempfindung ist nötig, um den Menschen (aber auch Schmerz empfindende Tiere) auf bedrohliche Veränderungen im Körper hinzuweisen, die entweder einer unmittelbaren Reaktion bedürfen (Zurückzucken bei Verbrennungsgefahr) oder anzeigen, daß das schmerzende Körperteil ab jetzt einer Schonung und ggf. Behandlung bedarf.
Selbst der mit dem Muskelkater verbundene Schmerz signalisiert, daß man nun mit dem Training etwas pausieren sollte, bis der Muskel die Chance hatte, sich ausreichend zu regenerieren.
Ab hier aber wird es dann komplizierter. Hört der Schmerz nicht auf und wird chronisch, so ist seine Warnfunktion umso lästiger, je weniger man gegen die Schmerzursache unternehmen kann, z.B. weil die Ursache medizinisch nicht behandelbar ist oder weil sie bewußt hervorgerufen wird (z.B. bei Folter), um den Betreffenden zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen.
In solchen Fällen wäre es sicher z.T. überlebenstauglicher, wenn der/die Betroffene den Schmerz “abstellen” könnte.
Schmerzsymptom und Schmerzursache müssen nicht identisch sein
Das Problem bei chronischen Schmerzen kann jedoch tiefer oder woanders liegen.
Beim Phantomschmerz z.B., wenn also bei amputierten Gliedmaßen Schmerzen an Stellen auftreten, die objektiv gar nicht mehr vorhanden sind, spielt dem Körper sein Schmerzgedächtnis einen Streich, ebenso bei manchen anderen Schmerzen, die (scheinbar) keine körperlichen Ursachen zu haben scheinen.
Schmerzbehandlung – ein zweischneidiges Schwert
In unserer modernen Medizin und bei der oft von Kindesbeinen an in unserer Kultur geförderten Überzeugung, es gebe gegen alles eine “Pille”, die man nur zu schlucken brauche und “alles wird wieder gut”, liegt der Griff zum Schmerzmittel nahe.
Viele Schmerzmittel sind sogar rezeptfrei zu haben und manchmal wirken sie auch prompt.
Benötigt man stärkere Schmerzpräparate ist zwar der Gang zum Arzt unausweichlich, aber auch dieser wird in den meisten Fällen seinen Patienten nicht “unnötig” leiden lassen wollen und verschreibt somit ein Schmerzmittel, das -zumindest vorübergehend- weiterhilft.
Man kann es ihm auch kaum verdenken, denn ein Patient wird oft, vom Schmerz getrieben, sonst einen anderen Therapeuten aufsuchen, bis er mit seinem Anliegen Erfolg hat und das gewünschte Analgetikum verabreicht bekommt.
Diese Einnahme kann aber (mindestens!) zweierlei Konsequenzen nach sich ziehen:
Schmerzmittelabhängigkeit
Eine besondere Form der Medikamentensucht ist die Schmerzmittelabhängigkeit, die wegen körperlicher und/oder psychischer Abhängigkeit dazu führt, das betreffende Schmerzmittel auch dann weiterzunehmen, wenn der ursächliche Schmerz vielleicht abgeklungen ist. Aber auch wenn der Grundschmerz weiter besteht, kann der Körper unabhängig davon ein Verlangen nach der schmerzstillenden und “betäubenden” Substanz entwickeln, das meist wegen des Gewöhnungseffektes mit einer stetigen Dosissteigerung einhergeht.
Diese Gewöhnung kann sogar den paradoxen Effekt haben, daß die Schmerzen noch dann wahrgenommen werden, wenn deren Ursache in Wahrheit abgeklungen ist – d.h. der Effekt, den ein solches Schmerzmedikament eigentlich haben sollte, verkehrt sich ins Gegenteil und wird zur Ursache chronischer Schmerzen, die natürlich umso mehr nach einer Dosissteigerung zu rufen scheinen und diese Form der Schmerzmittelabhängigkeit kaum behandelbar erscheinen lassen.
Nebeneffekte der Schmerzdämpfung
Da ein Schmerzmedikament praktisch nicht zwischen einzelnen Schmerzursachen unterscheiden kann (von ein paar lokal angewandten Mitteln abgesehen), hemmt es praktisch jede Art von Schmerz.
Und damit wären wir bei einem heiklen Thema, das gerne verschwiegen wird:
Schmerzunterdrückung kann Symptome verschlimmern
Werden die Beschwerden völlig unterdrückt, so kann, z.B. bei Arthrose, der Schmerz seine Warnfunktion nicht mehr ausüben und der Patient begibt sich in die Gefahr, den Verschleiß zu verschlimmern, der ansonsten dadurch, daß man schmerzende Bewegungen instinktiv meidet, hätte verhindert werden können
Ein Schmerz weg – und dutzende andere dazu
Da das Schmerzmittel nicht zwischen der Ursache, dessentwegen es eingenommen wurde, und anderen, heu hinzukommenden Schmerzursachen unterscheiden kann, unterdrückt es natürlich auch diese.
Da nun der teilweise “betäubte” Patient ähnlich unempfindlich gegen seine Umgebung wird wie die oben beschriebenen Leprakranken, kann er sich auch weniger vor neuen Gefahren, vor denen ihn sein gesundes Schmerzempfinden ansonsten rechtzeitig gewarnt hätte, schützen.
Das Internet ist daher voll von Berichten Betroffener, die sich unter chronischer Schmerzmedikation z.T. erhebliche Verletzungen beigebracht haben, die ihnen bei ungestörtem Schmerzempfinden entweder nicht unterlaufen wären, oder die sie anschließend rechtzeitig bemerkt und dann behandeln lassen hätten.
Wer Schmerzmittel nimmt, sollte daher stets im Auge behalten, daß auch der Schmerz eine medizinisch sinnvolle Funktion hat und daß man ihn nur um den Preis möglicher Medikamentenabhängigkeit der erhöhter Verletzungsgefahren unterdrücken kann.
Lesen Sie auch: Die medikamentöse Behandlung – Heilwirkung, Nebenwirkung, Wechselwirkung und Wie ich wieder schmerzfrei und beweglich wurde.
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