Schulmedizin im Dialog – oder warum es medizinischer Forschritt so schwer hat
Geschrieben von gelenkgesund - 15. August 2011
Kürzlich habe ich auf einem anderen Blog kommentiert und es begann sich eine Diskussion zu entfalten, u.a. darüber, inwieweit sich der wissenschaftliche Nachweis führen läßt, daß und wie Gelenkgesund!™-Übungen gegen rheumatoide Arthritis wirken. Leider kam die Diskussion zu einem vorschnellen Ende, da mein letzter Diskussionsbeitrag nicht mehr freigeschaltet wurde. Daher dokumentiere ich dies hier.
Unter dem Titel “Organkrankheiten mit psychosozialer Komponente” schreibt Christian Gersch zu sog. Psychosomatosen (Franz Alexander), zu denen u.a. auch die Rheumatoide Arthritis gezählt wird, u.a.:
“Rheumatoide Arthritis
Chronische, autoimmune Entzündung der Gelenke. Patienten werden oft als aufopferungsvoll beschrieben, mit Agressionen könnten sie schwer offen umgehen, sie seien genügsam. Life events werden als Genese diskutiert. Schmerzen durch die rheumatoide Arthritis werden teils als entlastend empfunden. Das Coping beeinflusst den Verlauf der Erkrankung. Passives Verhalten verschlechtert den Verlauf. BSG, Rheumafaktor und Griffstärke lassen sich nachweislich unter Psychotherapie verbessern. Prävanlenz 0,5% – 1%.”
Darauf kommentierte ich (letztlich in gewissem Umfang der psychosomatischen Genese zustimmend):
“…als ich Mitte 1994 an rheumatoider Arthritis erkrankte und diese einen aggressiven Verlauf nahm, stellte mir mein Rheumatologe in Aussicht, daß, wenn verschiedenste Gelenke letztlich zerstört wären, man mir neue künstliche einpflanzen könne. Die ganze Zeit über keine Rede davon, daß man chronische Polyarthritis ggf. heilen könne. Damit wollte ich mich aber irgendwann nicht mehr abgeben (die Medikamenten-Nebenwirkungen taten ein ihriges, mir diese “Therapie” zu vergällen) und so setzte ich alle Medikamente ab und besann mich auf meine Selbstheilungskräfte – mit durchschlagendem Erfolg … ich bin seit über zehn Jahren geheilt und schmerzfrei. An der Medikation kann es nicht gelegen haben … – sondern an meiner Verhaltensänderung und folglich muß Rheumatoidarthritis etwas mit der persönlichen Einstellung zu tun haben!”
… und erhielt auch eine freundliche Antwort:
“Den Link zu Ihrer Website musste ich aus Ihrem Beitrag aber leider entfernen. Wissen sollte frei sein, und ich finde es falsch, wenn Sie eine Heilungsgeschichte erzählen, und dann auf Ihrer Website Seminare verkaufen wollen, ohne dort wenigstens die grundlegenden Inhalte Ihrer Seminare zu beschreiben. Zudem scheint mir Ihre “Therapie” nicht wissenschaftlich untersucht zu sein, obwohl eine entsprechende Studie durchaus einfach zu konzipieren wäre.”
Nun erschließt sich mir zwar nicht, wie das Entfernen eines Links im Internet die wissenschaftliche Diskussion fördern sollte, aber da es mir um die Aufklärung über Heilungsmöglichkeiten der chronischen Polyarthritis ging, antwortete ich:
“… könnten Sie etwas präzisieren, was Sie mit Inhalte meiner Seminare meinen, denn das ist die erste Rückmeldung des Inhalts, dass die Beschreibung zu dürftig sei.
Zum Begriff “Therapie”: ich biete keinerlei therapeutische Interventionen an, sondern leite Interessierte gegen eine durchaus geringe Gebühr dazu an, meine Übungen nachzuvollziehen, zu erlernen und dauerhaft im Alltag anzuwenden. Gegen eine Studie wäre ja nichts einzuwenden, ich muss aber leider feststellen, dass Sie der erste Vertreter der medizinischen Profession sind, der sich dafür überhaupt interessiert. Ansonsten scheint es zum “guten Ton” zu gehören, Totalremissionen einfach zu ignorieren.”
und erhielt folgende Antwort:
“Wenn Sie der Meinung sind, dass mit Ihren Übungen rheumatische Beschwerden zurückgingen, dann halte ich diese Übungen für eine Therapie. Aber das macht auch nichts, denn wer heilt hat Recht.
Hierum dreht es sich aber bei Ihnen: Nur, weil bei Ihnen persönlich die Übungen geholfen haben, warum sollten sie dann jedem helfen? Es könnte sich um einen Zufall handeln, vielleicht war auch die Initialdiagnose der Rheumatoiden Arthritis nicht richtig.
Das ist der Punkt, zu dem Sie eine Studie vorlegen sollten, am Besten prospektiv randomisiert und doppelblind etwa nach diesem Schema: 100 Patienten habe ich etwas über gesunde Ernährung und Gott und die Welt erzählt (= Placebo), deren BSG, Rheumafaktor, usw. haben sich nicht signifikant geändert, 100 Patienten habe ich in meinen Übungen unterwiesen, und hier sehe ich bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit p < 0,001 einen Abfall in der BSG von x mm/h, beim Rheumafaktor imponiert ein Abfall von X IU/ml, usw.
Wenn solche Werte wirklich in einer Studie herauskommen sollten, publizieren Sie diese in Rheumatology o.ä. und man wird Ihre Sache ernst nehmen. Ohne Studie wird ein Schulmediziner aber die Seminare primär als Scharlatanerie abtun; es gibt leider so viele Heilpraktiker, Ärzte und “Therapeuten”, die Kranken eine Therapie gegen ihre Beschwerden anbieten, die aber nichts nützt, als dass Sie ihnen das Geld aus der Tasche herauszieht.
Zu meiner Kritik, dass Ihrer Website inhaltliche Beschreibungen Ihrer Seminare fehlen würden: Wenn Sie wirklich eine Heilmethode entdeckt haben sollten, wäre es unethisch, nur den Besuchern Ihrer Seminare die Übungen zu ermöglichen. Rheuma gibt es auf den ganzen Welt. Das Wissen über helfende Übungen sollte frei verfügbar sein. Deshalb würde ich vorschlagen, Sie veröffentlichen die Übungen schon jetzt auf Ihrer Website, und in Seminaren gegen Entgelt können Sie diese ja weiterhin erklären. Ein Arzt geht ja auch nicht Konkurs, obwohl sein Wissen nicht geheim und in jeder Buchhandlung erwerbbar ist. Wenn Ihre Website die Anleitungen zu den Übungen bereit hält, dann schalte ich auch gerne den Link dazu frei.”
Hier schlägt der Diskutant etwas vor, was bei den Psychosomatosen recht schwer zu bewerkstelligen ist, und um diese psychisch (zumindest mit-) determinierten Erkrankungen ging es ja eingangs: es handelt sich nach der vorgeschlagenen Krankheitsgenese eindeutig um selbstauferlegte “Martyrien” und wer sich um eine Selbstheilung von der Selbstzerstörung bei solchen der Selbstheilung grundsätzlich zugänglichen Krankheiten bemüht, der hat bereits den allerersten Schritt getan, sich von seinem selbst mit verursachten Krankheitsgeschehen zu lösen. Einer darauf abhebenden Studie randomisiert zusammengestellte Patientengruppen zuzuteilen scheitert daher schon allein daran, daß es bei den Übungen gegen rheumatoide Arthritis nicht darum geht, ein Placebo oder einen Wirkstoff einzunehmen, sondern um aktive Mitwirkung und die fällt bei denen, die nicht mitmachen wollen, anders aus, als bei denen, die selbst und aktiv nach der Methode gesucht und sich danach “gesehnt” haben.
Aber abgesehen davon gibt es noch ganz andere Probleme bei solchen Doppelblindstudien zu bewältigen, und ich habe das in einem weiteren Kommentar dargelegt:
“… danke für den ausführlichen Einwurf mit mehreren Punkten, auf die ich eingehen möchte:
Zur Initialdiagnose: damit habe ich mich zuerst ausführlich befaßt. Der Einwand bei Heilungen “unheilbarer” Erkrankungen ist immer der erste und wohlfeilste: “vielleicht war es ja gar nicht ‘itis” sondern was anderes, harmloses”. Ohne meine Krankenakte jetzt ins Internet stellen zu wollen, seien Sie versichert: das wurde mehrfach abgeklärt und mein Rheumatologe würde sehr eingeschnappt reagieren, wenn ein Fachkollege auch nur andeutete, er könne diagnostisch falsch gelegen haben.
Gerne mache ich eine randomisierte Studie, gebe allerdings zu bedenken, daß dafür folgende Bedingungen gegeben sein müssen:
a) Eine Institution, die diese Studie finanziert (einschließlich meiner Honorare und ggf. den Kosten für die Patienten, wie dies in anderen Studien üblich sein mag, in denen neue medizinische Verfahren getestet werden).
b) Jemand, der diese Teilnehmerinnen nach den Randomisierungskriterien auswählt. Meine eigenen Klient(inn)en eignen sich dafür ja kaum – die mögen ja auch alle falsch diagnostiziert sein oder besonders stark auf einen Placebo-Effekt reagieren und damit eine aussageschwache Positivauswahl darstellen. Genau das befürchten Sie ja. Also muß jemand Drittes (“a la methode Cochraneoise”) dieses leisten.
c) Die Publikation würde ebenfalls kaum ohne einen solchen Partner funktionieren – jedenfalls kenne ich persönlich keine Studien, die in peer-reviewed Fachzeitschriften erschienen wären und deren einziger Autor ein ehemaliger Patient wäre.
Daß ein Schulmediziner meine Aussagen als Scharlatanerie abtun wird, damit kann ich leben. Ich habe erst neulich an anderer Stelle erstaunt lesen müssen, daß es keine einzige Doppel-Blindstudie zur Peroralmedikation gibt, die den Placeboeffekt herausrechnen könnte und wissenschaftlichen Kriterien genügte. Lesen Sie gerne hier nach:
Economic Fallacy VII: The Net Economic Gain through Pharmaceuticals
“Wenn Sie wirklich eine Heilmethode entdeckt haben sollten, wäre es unethisch, nur den Besuchern Ihrer Seminare die Übungen zu ermöglichen.” Darauf kann ich nur antworten: wenn die “forschenden Arzneimittelhersteller” wirklich wirksame Medikamente zu prohibitiven Preisen abgeben würden, wäre das unethisch. Es genügt, es zu den Kosten der Generika zu tun, um die direkten Kosten zu decken – vom Rest ist der größte Teil nachweislich das Werbebudget. Jetzt könnten Sie mir mal eine Frage beantworten, die mich umtreibt, seit ich das weiß: wenn in einem Land die Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente untersagt ist, wie kann man dann solche Kosten dafür haben?
Zu Ihrem Einwand als solchem: und wovon soll ich dann leben? Arbeiten auch Sie kostenlos? Besorgen Sie mir eine Kassenzulassung und ich trage das alles öffentlich vor, weil ich dann staatlich versorgt wäre.
Wenn ein Success-Coach eine funktionierende Methode hat – soll er die dann auch einfach veröffentlichen und alle werden dann auf eigenem Wege erfolgreich???
Weiter: wenn Sie oder ein Arzt-Kollege von Ihnen (ich weiß ja nicht, ob Sie forschen oder praktizieren) seine Therapie an die große Glocke hängt – können sich dann alle Patienten selbst heilen? Warum gibt es dann Ärzte? Weil man dazu jemanden braucht, der einem genau sagt, wie es geht. Sonst bräuchte man insbesondere keine Hebammen, Ergo- und Physiotherapeuten usw. Höchstens noch Masseure, weil man nicht überall so gut ‘rankommt …
“Ein Arzt geht ja auch nicht Konkurs, obwohl sein Wissen nicht geheim und in jeder Buchhandlung erwerbbar ist.” Nein, er geht deshalb nicht konkurs, weil er einen Kammerberuf hat, den andere nicht ausüben dürfen, was den Markt klein hält und das Angebot gegenüber der Nachfrage einschränkt.
“Wenn Ihre Website die Anleitungen zu den Übungen bereit hält, dann schalte ich auch gerne den Link dazu frei.” Links kann man im Internet für 10 Cent kaufen – deshalb habe ich nicht bei Ihnen geschrieben und wer ohne den Link Interesse hat, hat mich auch längst über eine Suchmaschine gefunden.”
Dieser letzte Kommentar wurde bis heute (2011-08-14) nicht freigeschaltet, geschweige denn beantwortet, weshalb ich die gesamte Diskussion hier im Zusammenhang dokumentiert habe. Das scheint das Kreuz mit der Schulmedizin zu sein: sie verfügt über noch bessere Immunisierungsstrategien als das menschliche Immunsystem, das sich immerhin auch ab und zu mal selbst “kritisiert”, wie man die Autoimmunerkrankungen auch auffassen könnte. Für die Schulmedizin ist rheumatoide Arthritis aber unheilbar, weil, “wer sie los geworden ist, hatte bestimmt von Anfang an gar keine”. Sir Karl Popper kritisiert diese Immunisierungsstrategien in seinem Kritischen Rationalismus als unwissenschaftlich, da nicht falsifizierbar …
Auch Galileo Galilei machte Erfahrungen mit einem Kardinal, der sich weigerte, durch sein Teleskop zu schauen. Es dauerte fast vierhundert Jahre und bis zu einem neuen Jahrtausend, um Galilei zu rehabilitieren. Hoffen wir im Interesse der fast eine Million Rheumatoidarthritiker alleine in Deutschland, daß einige von ihnen dem therapeutischen Fortschritt noch zu Lebzeiten begegnen!
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Christian Gersch sagte
Guten Abend!
Es tut mir leid, auf meinem Blog ist Ihr letzter Kommentar nie “angekommen”. Auch im Spam-Ordner war nichts zu finden. Also, keine böse Absicht, dass die Diskussion abgebrochen schien.
Ich habe Ihren hier geposteten Kommentar jetzt, versehen mit eigenen Kommentaren, im Originalbeitrag auf meinem Blog veröffentlicht.
Mit freundlichen Grüßen
Christian Gersch
gelenkgesund sagte
Vielen Dank, eben habe ich meinen nächsten Kommentar abgeschickt.
[Siehe auch Antwort .]
marbella sagte
Hallo, wirklich selten so eine spannende Diskussion gelesen